Im letzten Jahr der Vorbereitung

Meine Stiefmutter starb 2019 und mein Vater 2020. Meine Schwiegereltern im Frühjahr/Sommer 2021. Es war mir, als ob diese Menschen mich in meine heiß ersehnte Freiheit entlassen wollten, denn natürlich stand immer die Frage im Raum, wer sich und wie um sie kümmern wird, wenn wir, meine damalige Frau und ich, durch die Weltmeere segeln. Da ich bereits im Sommer 2021 ahnte, dass ich mich mit meinen Gesellschaftern nicht auf einen angemessenen Preis für meine verbleibenden Anteile einigen würde, dazu später mehr, dachte ich über eine alternative Verdienstmöglichkeit nach und arbeitete im Sommer 2020 2 Wochen als Flotillenskipper in Kroatien, um im meinen alten Beruf wieder einen Einstieg zu finden. Nach diesen anstrengenden und erfolgreichen Wochen wußte ich, dass ich das skippern vermisst habe und ich in den nächsten Jahren damit meine Kasse aufbessern kann. Im August 2021 schaute ich mal wieder samstags nach dem Frühstück nach Booten. Ich hatte mich, aus meiner Erfahrung mit unserer HR34, die in Dänemark lag, auf diese Marke konzentriert. Ich favorisiere Achtercockpitschiffe und von da gibt es nur die HR412. Mit dem Erbe unserer Eltern, hatten wir die Möglichkeit uns diesen Traum zu erfüllen. Spontan flogen wir sonntags morgens nach Alicante, schauten uns eine HR43 an, die uns nicht gefiel und Dienstags ein paar Stunden vor dem Rückflug eine HR412, die wir dann auch kauften. Ihr Name war „TWIST“ und da unser Leben sich gerade ohnehin in diesem Zustand befand, behielten wir diesen Namen. Natürlich hätten wir uns auch ein günstigeres Schiff kaufen können, dass fühlte sich für mich aber nicht gut an und ich empfand ein tiefes Glücksgefühl, dieses Traumschiff als Eigner segeln zu dürfen.

„Die Vision mit einer Emotion verknüpfen“

Meine Gesellschafter hatten sich bei mir 2018 als Nachfolgeprofis präsentiert, es dann leider nicht geschafft dafür zu sorgen, dass das Unternehmen unter guter Führung fortgeführt werden konnte. Im Frühjahr 2021 teilte ich ihnen mit, dass ich Ende des Jahres, so wie unser Vertrag dies vorsah, aus dem Unternehmen ausscheide und zwar als Geschäftsführer und Gesellschafter. Der von mir vorgeschlagene Kandidat, der dann auch ein Jahr tätig war, stellte sich leider als ungeeignet dar, weil er nicht mit Menschen umgehen konnte. Der Ansatz meiner Gesellschafter war, ihm einen Businesscoach zur Seite zu stellen, was dann auch geschah .An einem Abend im Oktober 2021 erhielt ich zu Hause einen Anruf von der Dame, die als Businesscoach engagiert war und sie teilte mir mit: “Gerne schreibe ich Ihnen weiter Rechnungen, aber ich habe so einen Fall noch nicht erlebt. Es ist aussichtslos. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie man so eine Chance nicht nutzt“. Für mich war das keine Überraschung.

Sie fragte: “Haben Sie eine Alternative?
Ich antwortete:“Nein“
Sie:“Was machen Sie jetzt?“
Ich: “Segeln gehen“.

Nach dem wir aufgelegt hatten, dachte ich über das Telefonat nach und gewann den Eindruck, dass sie vielleicht Interesse daran hätte, die Geschäftsführung meines Unternehmens zu übernehmen. Bis auf die Tatsache, dass sie branchenfremd war, erfüllte sie alle Voraussetzungen. Also rief ich sie an und fragte ohne Gesprächseinleitung: „Könnten Sie die Alternative sein?“ Einen Monat später trat sie bei uns im Unternehmen in die Geschäftsführung ein.
Natürlich herrschte im Unternehmen seit einigen Monaten Unruhe. Die ersten Kündigungen lagen auf meinem Tisch, auch von loyalen, langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Meine Mehrheitsgesellschafter hatten mich zum Schweigen verpflichtet, und so war ich gezwungen, selbst meinen besten, langjährigen Mitarbeitern eine nette Geschichte zu erzählen, was mich sehr belastete. Ich hatte das Gefühl, dass mir das niemand abkaufte. Nahezu alle Beteiligten schauten auf mich und wollten nicht, dass ich gehe. Sie gaben mir das Gefühl, dass alles untergehen würde, wenn ich nicht mehr da bin.

„Zum Glücklichsein gehört die Fähigkeit des Loslassens“

Ich fühlte mich nicht mehr verantwortlich. Innerlich hatte ich bereits losgelassen, und zwar in dem Moment, als ich mein Unternehmen auf der Unternehmensbörse zum Verkauf angeboten hatte. An diesen Moment erinnerte ich mich während dieser Zeit oft. Dieses Gefühl der Entlastung, der Leichtigkeit, des Glücks und das Prickeln der Freiheit hielten mich auf meinem Weg. Letztendlich kam es zum Zerwürfnis mit meinen Gesellschaftern, die dann unseren ergebnisabhängigen Vertrag umsetzten und mir noch einen Zuschuss zu meiner Reisekasse für meine letzten 48 % Gesellschafteranteile bezahlten. Corona hatte uns kein positives Ergebnis ermöglicht. Auch für dieses Szenario gab es einen Plan, der vorsah, einige Monate im Jahr als Skipper zu arbeiten.

„Mein Abschied, so farblos er auch war, fühlte sich wie eine Ankunft an.“

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